Wir alle zusammen sind so verdammt allein…

Ich war vorgestern bei einem Poesie Salon, das erste Mal, denn ich hab plötzlich sehr viel Zeit nachdem ich mich auf meinen Seiten, aber auch in meinem Privatleben die letzten Wochen so rar gemacht & zurückgezogen habe.

Kleiner Spoiler, es war echt grandios und hat mich sehr berührt, dort hat dann zur Einleitung der eigentlichen Veranstaltung die Autorin, Melanie Sengbusch den Text:
„Wir alle zusammen sind so verdammt allein“ aus Ihrem gleichnamigen Buch vorgetragen, dieser hat mich in meiner momentanen Situation extrem berührt & in meinen Entscheidungen die ich in der letzten Zeit, auch wegen dem Veganen Experiment treffen musste, treffen wollte sehr bestärkt…

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Ich hab mich in so vielen der Zeilen wiedererkannt und auch sehen können wohin mein Weg gehen soll, gehen muss um dabei ich selbst zu bleiben, vielen lieben Dank Melanie das du mich mit deinen Worten so berührt hast.

Ich hab mir natürlich direkt die Erlaubnis geholt diesen Text mit euch auf vgnexp teilen zu dürfen

„Wir alle zusammen sind so verdammt allein“
Wir – Die alles wollen, ganz und sofort und bitte noch schneller und schöner und höher. Wir – die mit Kitchkonfetti dunkle Clubs bombardieren und bitte auch noch mit Glitzer und nie aufhören und auch den DJ.
Wir- die nicht mehr nur Händchen halten, sondern gleich unsere Körper aneinander zerschellen lassenund bitte noch doller und mit jedem einmal und auch zu dritt.
Wir – die immer voll drauf sind und bitte auch mit harten Sachen und legal ist,
was Du draus machst und bloß keine Pause einlegen.
Wir – die ohne Grund gehen und fallen und bitte noch nicht stehen bleiben,
nie bleiben und immer noch weiter machen.
Wir – die ohne Grenzen Leben wollen und bitte auch mit Gefahr und Aufregung und Konsequenzen gibt´s nur morgen.
Wir – die so was von kaputt gegangen, vor uns selber weglaufen und bitte noch mehr Ablenkung und neu ist schon von vorgestern und alt werden nur die anderen.
Wir – die über Gott und die Hipster lachen und bitte auch jeden Scheiss mitmachen und am Ende doch noch sowas wie Hoffnung haben.
Wir- die jeden kennen und keinen lieben und bitte noch mehr Likes & Follower und wir sind gar nicht einsam sondern frei.
Wir – die als erstes und als letztes auf´s Smartphone blicken und bitte auch den Laptop an und die Kopfhörer in der U Bahn und bloß nicht den Nachbarn ansprechen. Wir – die Obsessionen in Person und bitte noch mehr Extreme und Kopfzerbrechen und Herzzerreißen, ausgeglichen bedeutet für uns Langeweile
Wir – die immer etwas vermissen und bitte auch verdrängen und verdrehen und auf keinen Fall annehmen können.
Wir – die alles besser wissen und bitte immer noch mehr erfahren und überall gewesen sind und doch kein Zuhause haben.
Wir – die sich für alles interessieren und bitte noch einen Blog schreiben und Essen fotografieren und sich total individuell in der Masse verlieren.
Wir – die Intellektuelles Getue lieben und bitte auch mit Arroganz und wahnsinnig authentisch jedes Studium abbrechen.
Wir – die Innovativen der Zukunft, die nicht mit der Vergangenheit klarkommen und bitte noch eine Psychotherapie machen und niemals mit den Eltern sprechen.
Wir – die Weltoffen sind für Trends und bitte auch hyperkulturell und sich Freunde bei Facebook suchen und am meisten uns selbst hassen.
Wir – die so vieles anders und doch nichts besser machen und bitte auch immer an die Nazis denken und die Atomenergie und Afrika und Hauptsache Geld zum feiern haben.
Wir – die auf YouTube für´s Leben lernen und bitte noch die eigene Meinung überall dazu kommentieren und immer Kritik und Tipps für alle parat haben und unsere eigenen Bedürfnisse nicht erkennen.
Wir – die ohne Konventionen leben und bitte auch keine Religionen und keine Regeln und Gesetze, und wir machen uns unsere eigenen Manifeste aus Bier & Zigaretten.
Wir – die Brötchen auf Zeitung kleben und das dann unter dem Titel Frühstück als Kunst verkaufen und bitte auch auf Instagram und während der Arbeit Zerstreuung auf Pornoseiten oder Tumblr suchen.

Wir – die immer noch einen Tab mehr aufmachen und bitte noch mehr Musik kopieren und einen Onlineshop haben und das System und den Kapitalismus hassen.

Wir – die wir gar nicht sind, weil ich nur für mich sprechen kann und nicht einmal weiss wer ich eigentlich bin weil dieses merkwürdige Gefühl, vielleicht Melancholie, mich dermaßen zerwühlt und ich nicht weiß, was ich will, Familie mit Kind und Topjob mit Firmenwagen und Partyleben mit Scenetypen und Gemüsegarten mit Kommune starten, aber bitte in der Großstadt bleiben und den Wald und das Meer da haben, alles Glück kommt wohl nie, ein wenig Zufriedenheit wäre schon ganz schön viel, doch diese unerfüllte Sehnsucht nach Unbekannten wiegt so schwer und legt sich wie ein Schleier aus Beton über alles und ich brauche ständig mehr, mehr Farbe, mehr Licht, mehr Inspiration und neue Sicht auf die Dinge die sich stets verändern, weil alles vergeht, nur nicht die Ränder unter den Augen, die Müdigkeit bleibt und irgendwas treibt mich trotzdem noch weiter, auch wenn ich denke das ist das Ende und gar nicht mehr kann, es brennt doch und quält die Frage: Wann kommen wir endlich an.

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In jeder dieser Zeilen spiegelt sich meine Generation, spiegle ich mich wieder es war so als würde man mir einen Spiegel direkt vor die Nase halten und genau das soll Poesie ja auch tun, deswegen und wegen vielen anderen tollen Texten kann ich dieses Buch weiterempfehlen, es bietet jede Menge Aha Momente.

Das nächste mal Live könnt Ihr Melanie bei den Hamburger Poetry Slam Stadtmeisterschaften sehen, ich werde sicher hingehen und mich wieder umhauen lassen…!

Hier geht´s zum Event: Hamburger Poetry Slam Stadtmeisterschaft 2016

Das Buch bekommt ihr im Buchhandel & bei Amazon.

Melanie Sengbusch
Wir alle zusammen sind so verdammt allein
Erschienen im Marianne Leim Verlag

80 Seiten
ISBN-13: 978-3981591675

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