Die erste Leseprobe von "Ich bin dann mal Veg!(an)" 24. JUNI 2015, VON VILLATUERTA ÜBER ESTELLA, VILLAMAYOR DE MONJARDÍN NACH LOS ARCOS

24. JUNI 2015, VON VILLATUERTA ÜBER ESTELLA, VILLAMAYOR DE MONJARDÍN NACH LOS ARCOS

Und weiter ging es!
Von Villatuerta bis nach Los Arcos sind es 26 Kilometer, aber die liefen sich heute fast wie von selbst …

Schweren Herzens verließ ich nach meiner zweitägigen Auszeit die Herberge „La Casa Mágica“ gegen 6:30 Uhr, um weiterzugehen.

DSCF6112

 

Naja, so schwer ist es mir dann doch nicht gefallen,
denn es war eine sehr unruhige Nacht.

In meinem Sechs-Bett- Zimmer nächtigten auch zwei Kinder, genauer gesagt, zwei Mädchen mit ihrer Mama, alle aus Spanien, soweit ich das herausbekommen konnte. Leider hat eines der Mädchen, die kleinere, ich schätze sie mal so auf fünf oder sechs Jahre, mitten in der Nacht eine Stunde lang nach ihrer Mama gerufen, bis diese endlich wach wurde, natürlich erst, als alle anderen schon wach waren. Sie hat sich dann zu der Kleinen ins Bett gelegt, damit wieder Ruhe herrscht, aber da war es auch schon zu spät.

Also dachte ich mir: Was soll der Geiz, dann bleibe ich halt wach und gehe heute sehr früh los, das wollte ich ja sowieso. Gesagt, getan.

Ich packte leise meine Sachen und brach auf.

Der Start war super schön. Die Schwalben und Sperlinge waren wie immer unheimlich laut, die Luft war schwer und süß, dazu die Kühle der Nacht und kein Mensch weit und breit, der mich in meinen Gedanken oder leisen Gebeten stören konnte.

 

Die ersten vier Stunden waren wie eine Art Meditation und haben mir unheimlich viel gegeben. Irgendwie hatte ich heute das Gefühl, dass ich nicht selbst den Weg gehe, sondern dass der Weg mich vorwärts trägt.

Es ging wie von alleine, Schritt für Schritt und leicht, als wenn ich zehn Zentimeter über dem Boden schwebte. Das erste Mal hatte ich heute das Bedürfnis, mit jemandem auf dem Weg zu reden. Noch fehlte mir zwar die Puste, aber es war ein Anfang.

Wenn mir jemand gesagt hätte, wie gesegnet dieser Tag noch wird, ich hätte es nicht geglaubt!

Beim ersten Stopp hatte ich schon mehr als zehn Kilometer hinter mir und es kam mir vor, als wäre ich gerade erst losgelaufen. Ich gönnte mir eine kleine Pause und einen Es- presso in der Bar „Azteca“, die sogar Sojamilch hatte.

DSCF4774

Nach dem Espresso cremte ich mir schnell die Füße ein und wollte dann gleich weiterlaufen. Es war wie ein innerer Druck, im positiven Sinne, der mich zurück auf den Weg trieb. Dann ging es auch schon weiter, wie eine geölte Maschine.

Es war fast ein wenig unheimlich, als ich an einer Stadt vorbeiging, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, und plötzlich mehr als 30 Pilger zeitgleich losliefen. Sofort war ich umringt von vielen anderen Menschen und es war ziemlich schnell vorbei mit der Ruhe. Aber heute schien mich nichts aus dem Gleichgewicht bringen zu können, mir ging es einfach zu gut.

 

So kam ich mit einem amerikanisch-hispanischen Ehe- paar kurz ins Gespräch. Und es machte mir nichts aus, im Gegenteil, ich fand es wirklich schön, denn die beiden waren super sympathisch. Nachdem ich kurz angerissen hatte, was ich mache und wieso ich auf dem Camino un- terwegs bin, erzählten die beiden, dass ihr jüngster Sohn auch seit einem halben Jahr mehr und mehr in die vegane Richtung tendiert, es aber wohl schwierig sei, in den USA gescheite vegane Kochbücher zu bekommen.

Das muss ich direkt mal checken, wenn ich zurück in Deutschland bin, denn es ist wirklich schwer vorstellbar, dass in den USA, wo ein Gesundheitskult nach dem anderen entsteht, kein gutes veganes Kochbuch zur Verfügung steht.

Ich habe ihnen direkt, neben meinem eigenen, das ja nur auf Deutsch erhältlich ist, auch „The Lotus and the Artichoke“ empfohlen. Außerdem habe ich ihnen meine Karte dagelassen, bevor ich entspannt weiterzog.

Für weitere und tiefere Kommunikation reicht es beim Gehen noch nicht, da bin ich lieber noch für mich alleine. Abends in den Herbergen freue ich mich aber über tiefergehende Gespräche sehr.

Nach den wie immer endlos scheinenden letzten fünf Kilometern vor dem Tagesziel, die mich heute durch wunderschöne alte Wälder führten, kam ich schließlich am Ortseingang von Los Arcos an, total durchgeschwitzt, aber komischerweise immer noch frisch und unheimlich zufrieden.

Ich unternahm zuerst den Versuch, ein Bett in der privaten Albergue „La Casa de la Abuela“ zu ergattern, wo ich aber nur noch eines der oberen Stockbetten bekommen hätte. Da ich mich schon beim Eintreten nicht wirklich wohlgefühlt hatte, ging ich, einer inneren Eingebung folgend und komplett gegen meine sonstige Gewohnheit, das erste Bett zu nehmen, das ich bekomme, weiter zur Albergue Municipal „Isaac Santiago“.

In der öffentlichen Herberge von Los Arcos, die von der flämischen Pilgerbruderschaft geführt wird, bekam ich dann eines der 70 Betten für sechs Euro.

DSCF5211

 

Das war genau die richtige Entscheidung, was sich dann auch ziemlich schnell gezeigt hat.

Schon das erste Gespräch auf dem Vorplatz mit einem meiner Nachbarn auf Zeit war mehr als lustig. Ein älterer spanischer Pilger, der wohl in seiner Jugend, laut eigener Aussage, öfters in Amsterdam im Coffeeshop war, versuchte gerade, einer Norwegerin die Legende von dem Hahn und der Henne in der Kirche von Santo Domingo zu erklären.

Das gelang ihm aber nicht, da ihm das englische Wort für „Hahn“ nicht einfiel, weshalb er die ganze Zeit wie irre „Kikeriki! Kikeriki!“ rief.

Als ich ihm dann aushalf, bedankte er sich mit einer Geschichte, die vom Hühnerwunder in Santo Domingo handelte.

Danach erzählte er, dass er in Deutschland eine Freundin namens Astrid habe.
Wir switschten immer zwischen Deutsch, Spanisch und Englisch hin und her, was an sich schon lustig war. Aber noch lustiger war die Tatsache, dass er den Namen „Astrid“ wie „Aaaschtritt“ aussprach. So versuchte ich ihm unter Lachanfällen zu erklären, dass er seine Freundin lieber nicht mit „Astrid“ ansprechen sollte, weil es bei ihm wie „Arschtritt“ klingt, was er erst mal nicht verstand.

Also sagte ich in meinem schlechten Englisch: „When you say ‚Aaaschtritt‘ to your friend Astrid, you use the same word that means in German asskick.“

 

Was dann passierte, kann man hier kaum wiedergeben. Alle Menschen auf dem Vorplatz brachen in Gelächter aus, nachdem quasi in sämtliche Sprachen übersetzt worden war, was wir gerade geredet hatten.

Die Geschichte vom Hahn und der Henne in Santo Domingo geht übrigens folgendermaßen:

 

Das Hühnerwunder – Die Legende vom Hahn und dem Huhn

Auf der Pilgerschaft nach Santiago de Compostela übernachtet eine deutsche Familie – Vater, Mutter und Sohn – in einem Gasthaus in Santo Domingo. Die Tochter des Wirtes verliebt sich unsterblich in den jungen Mann. Vergeblich bietet sie ihm ihre Gunst an.

Da sie zurückgewiesen wird, wandelt sich ihre Liebe in Hass.

Unbemerkt steckt sie einen silbernen Becher in seinen Rucksack.
Sobald der Wirt den Diebstahl bemerkt, lässt er die Pilgerfamilie verfolgen.
Der Becher wird beim Sohn gefunden und der eilends herbeigerufene Richter lässt ihn wie damals üblich hängen.

Unter Gebeten setzen die betrübten Eltern den Pilgerweg fort. Als sie bei der Rückkehr am Galgen vor- beikommen, vernehmen sie jedoch die Stimme des gehenkten Sohnes: „Mutter, Vater, grämt euch nicht, denn ich bin gar nicht tot! Santiago hat mich gehal- ten.“

Die beiden hasten zum Richter und erzählen ihm davon.
Der sitzt gerade beim Mittagessen und will nicht gestört werden.

Er sagt zu ihnen: „Eure Geschichte kann so wenig wahr sein und euer Sohn so wenig lebendig, wie diese frisch gebratenen Hahn und Henne auf meinem Teller wieder lebendig werden.“

Da flattert das bereits gerupfte Federvieh auf, und laut krähend bekräftigt der Hahn die Wahrheit. Der Unschuldige wird ab und die Verleumderin aufgehängt.

 

In Santo Domingo de la Calzada werden in der Kathedrale in einem Käfig bis zum heutigen Tag ein Huhn und ein Hahn lebend zur Erinnerung an diese Legende gehalten.

Nach der obligatorischen Dusche und dem Ausbreiten meines Schlafsacks auf meinem Bett war mir nach eiskaltem Orangensaft.

So ging ich die 100 Meter bis zur Plaza und setzte mich dort in eines der Cafés, wo ich anfing, in meinem Tagebuch zu schreiben.

Diesen Text konnte ich allerdings erst später zu Ende schreiben, weil dann noch so viel passierte, dass ich einfach nicht mehr zum Schreiben kam …

Zehn Minuten später kam nämlich die Norwegerin von vorhin und setzte sich zu mir. Sie heißt Christine, ist 39 Jahre alt, hat zwei Kinder und ist, wie ich, geschieden. Witzigerweise kann sie ein wenig Deutsch.

Keine 20 Minuten später kam dann auch noch die amerikanische Deutschlehrerin Megan, mit der ich am Tag zuvor schon am Esstisch in der „Casa Mágica“ gesessen hatte.
Ich hätte sie kaum wiedererkannt, denn sie kam auf dem Weg auf die Idee, sich die eh schon raspelkurzen Haare nass zu rasieren, sodass ihr Kopf nun glatt wie ein Babypopo war. So habe ich sie erst erkannt, als sie mich ansprach.

 

Klar, dass sie sich auch dazusetzte und sich, wie die meisten Amerikaner auf dem Weg, erst mal ein großes Bier bestellte. Kurz darauf kam ihre Freundin Sarah-Ann dazu, auch aus den USA, und setzte sich ebenfalls.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie schicksalhaft diese Begegnungen für mich werden würden. Das begriff ich erst einige Wochen später. Ab diesem Tag sollte ich viel Zeit mit diesen Menschen verbringen und ganz schnell vergessen, dass ich eigentlich alleine laufen wollte.

DSCF6048

Sarah zeigte uns ihre beeindruckend geschundenen Füße, die dadurch, dass sie sehr klein sind, doppelt so schlimm aussahen. Auf den ersten Blick war in etwa die Hälfte ihrer Füße eine einzige Blase, und die Blasen hatten quasi schon selbst Blasen.

Wahnsinn, dass man so weiterlaufen kann, dachte ich noch, als ein weiterer Pilger um die Ecke kam, den ich bereits kannte. Es war Shan, der am Vortag auch in der „Casa Mágica“ war und der in einer ähnlichen körperlichen Verfassung ist, wie ich es war, bevor ich vegan wurde. Mit ihm wäre ich gestern so gern ins Gespräch gekommen, was aber nicht mehr drin war.

Auch heute sah man ihm die Strapazen wirklich an, sodass wir ihn lautstark mit Applaus und lautem Pfeifen anfeuerten, bis er bei uns am Tisch ankam, wo er erst mal in einen Stuhl fiel und ich ihm direkt zwei Wasser bestellte, denn er sah leicht dehydriert aus.

Relativ spontan kam ich auf die Idee, für alle zu kochen, Spaghetti aglio e olio musste es sein.

Endlich mal wieder Pasta satt – und damit bekomme ich sie alle!!!

Die anderen fanden die Idee super und waren sehr gespannt, wie es wohl schmeckt, wenn ein Veganer sie kocht, der Ruf eilt mir hier nämlich schon voraus, jeder von ihnen hat schon irgendwas von mir gehört.

Diese Gelegenheit, einigen Menschen auf so gesellige und einfache Art ein veganes Gericht vorzusetzen, war super.

Deswegen bin ich hier, dachte ich, und das will ich nutzen.

Also ging ich in den kleinen Laden und kaufte die Zutaten für ein angepasstes Menü: ein Kilo Spaghetti, vier große regionale Tomaten, Oliven, Olivenöl, einen regionalen Weißwein und natürlich eine rote Chili, die hier getrocknet besonders pikant sind.

Außerdem habe ich im Minimarket zwei hausgemachte Brote gekauft, die von der super netten Besitzerin mit Inbrunst angepriesen wurden. Und ich muss sagen, sie hat nicht zu viel versprochen, die Brote waren großartig!

Ich schleppte die Sachen in die Municipal-Küche, die Gott sei Dank ganz gut ausgerüstet war. Nur auf meinen berühmt-berüchtigten Cashew-Parmesan musste ich dieses Mal verzichten, obwohl der ja immer das i-Tüpfelchen ist und die Leute wirklich umhaut.

Aber ich gab mir viel Mühe, das mit dem Umhauen auch so hinzubekommen.

Also stellte ich mich in die Küche, um das erste Mal auf dem Camino für vier völlig fremde Menschen vegan zu kochen und sie auf den Geschmack zu bringen.

Das Ganze wurde schön pikant, aber auch nicht zu spicy.

Gegen 19 Uhr kamen dann Shan, Sarah und Megan, die in einer Pension untergekommen waren, zum Essen in die Herberge. Die Norwegerin deckte den Tisch und ich fand in der Küche eine Paella-Pfanne, in der ich das Kilo Nudeln und alle anderen Zutaten unterbekam.

So setzten wir uns an den Tisch und es wurde der bisher schönste Abend auf dem Camino. Sarah sprach ein Tischgebet, das mir die Tränen in die Augen trieb.

Alle bedankten sich überschwänglich und konnten kaum fassen, wie einfach ein veganes Gericht sein kann. Sie waren erstaunt, dass man nicht eine Zutat braucht, die außergewöhnlich oder ungewohnt ist, und dass es trotzdem so toll schmecken kann.

Es war ein wirklich toller Abend, der erste, an dem ich tatsächlich erst ins Bett bin, als die Herbergsmutter uns verscheucht hat.

Ich kann kaum glauben, wie schnell Menschen hier zusammen finden, weil sie die Handys mal auslassen und weder auf Facebook noch auf Instagram oder sonstigen „Anti“-Social-Media-Seiten zugange sind.

Danach konnte ich trotz vollem Magen lange nicht einschlafen, weil mir die Gespräche, die ich hier nicht im Einzelnen wiedergeben möchte, da sie sehr intim und persönlich sind, durch den Kopf gingen.

Sie sind aber in meinem Herzen gespeichert und gehören zu den bisher schönsten Erlebnissen hier in Spanien….

Ich hoffe euch gefällt der erste Eindruck von meinem ersten richtigen Buch, „Ich bin dann mal Veg!(an)“ kommt diesen Monat in den Handel und die Aufregung wird von Tag zu Tag schlimmer, ich habe wenn man die Stunden auf dem Camino die ich Tagebuch geschrieben habe nicht einrechnet mehr als 1000 Stunden daran geschrieben, was unter anderem an meiner Rechtschreibschwäche liegt, ein dickes Danke an die Lektoren von BoD – Books on Demand die alles was ich übersehen habe dann ausbügeln mussten…

850 Kilometer, das sind mehr als 1 Mio. einzelne Schritte und jeder einzelne war wichtig denn der Camino hat mein leben komplett auf den Kopf gestellt, jetzt weiß ich wohin ich wirklich will…

Euer Stefano

0 Gedanken zu „Die erste Leseprobe von "Ich bin dann mal Veg!(an)" 24. JUNI 2015, VON VILLATUERTA ÜBER ESTELLA, VILLAMAYOR DE MONJARDÍN NACH LOS ARCOS&8220;

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.